Ich schweige, also bleibst du.
Schweigen: Der stille Weg aus der Beziehung

Gehört haben wir sie alle schon mal: „Ein Kenner schweigt und genießt“ oder „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“? Und auch die Botschaft solcher geheimnisumwobenen Sprichwörter dürfte klar sein: Die Fähigkeit, im passenden Moment den Mund halten zu können, ist etwas Erstrebenswertes und Tugendhaftes. Und tatsächlich spricht Verschwiegenheit für ein hohes Maß an zu, Beispiel Integrität, Loyalität, Verlässlichkeit und Selbstdisziplin –  und damit für an sich positive Eigenschaften. Dem gegenüber birgt Schweigen – wie so viele Facetten menschlichen Verhaltens – aber auch Schattenseiten, die, wenn sie sich in Beziehungen offenbaren, erheblichen Schaden verursachen können.

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Schweigen in der Beziehung

Mauern, schmollen, trotzen – als Kind ok, als Erwachsener nicht 

Unstrittig ist, dass sich schonungslose Direktheit und scharfe Worte wie seelisch tödliche Waffen anfühlen können. So reagieren wir etwa zutiefst verletzt, wenn wir kritisiert werden. Ja, gemeine Äußerungen tun weh. Schlimmer noch: Sie blockieren die eigene Wahrnehmung und das persönliche Urteilsvermögen, fluten den Körper mit Stresshormonen; bildhaft gesprochen boxen sie in die Magengrube, versetzen dem Herzen einen Stich, treffen bis ins Mark … und es spielt, wenn sie fallen, überhaupt keine Rolle, ob die Worte unbedacht waren oder mit voller Absicht. Am verwundbarsten sind wir übrigens dann, wenn durch sie die Liebe, das Miteinander, die Freundschaft aber auch unser Selbstbild auf dem Spiel stehen.
Es mag paradox klingen und rechtfertigt in keiner Weise aggressive und gar gewalttätige Verbalattacken, aber: Offene Auseinandersetzungen punkten trotz ihres Verletzungsrisikos mit einen „Fairness-Faktor“. Warum? Weil die Beteiligten wissen, woran sie sind. Dieser „Fairness-Faktor“ ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, wird aber auf den zweiten oder spätestens dann gewürdigt, wenn der Partner oder die Partnerin mit dem Sprechen aufhört, „dichtmacht“, schmollt und trotzt. Was vielen Menschen nicht bewusst ist: Schweigen verletzt ebenfalls, erst recht, wenn es Programm wird. Welche Beweggründe sich auch immer dahinter verbergen: Schweigen kann auch Ausdruck von Dominanz und Unreife, aber auch eine Form passiver Aggressivität widerspiegeln, deren zersetzende Zerstörungskraft auf keinen Fall unterschätzt werden sollte.

 

Ob Sicherheitstool oder Drohgebärde – Schweigen wirkt in einer Beziehung auf Dauer zermürbend

Natürlich kommt es auch in der „besten“ Beziehung vor, dass geschwiegen wird. Unter anderem, weil uns spontan nichts zu sagen einfällt. Vielleicht fühlen wir uns gerade zu schwach, durcheinander, erschrocken, wütend, enttäuscht, geknickt oder einfach viel zu müde für die richtigen Worte, adäquate Antworten und scharfsinnige Gegenargumente. Möglicherweise wollen wir auch einfach nur nicht reden und stattdessen lieber unsere Ruhe, berufen uns daher auf „unser Recht“ zu Schweigen. Andersherum können wir aber auch sprachlos sein, weil wir uns ertappt fühlen und im Inneren mit der Wahrheit ringen. Vielleicht wollen nur nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, etwa aus Angst, den anderen damit verletzen zu können … Gründe für eine Funkstille gibt es unzählige. Außerdem kann jeder Mensch selbst entscheiden, ob und wann er reden will – oder eben nicht. Zu beobachten ist dieses Phänomen besonders im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Die finden nämlich schnell heraus, wie viel Aufmerksamkeit sie bekommen und welch große Macht sie besitzen, wenn Erwachsene ihnen Worte entlocken wollen, sie sich aber kraft ihres Schweigens erfolgreich dagegen wehren können.

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In Sich Gekehrt in der Beziehung

Ohne Worte, kein Verständnis

Im positiven Sinne kann dieses Reaktionsmuster in einer Konfliktsituation viel zur Deeskalation eines Konflikts beitragen. Wichtig ist jedoch, die Gründe dafür mitzuteilen, weswegen die Stummtaste bedient wird. Ebenfalls von großer Bedeutung ist Klarheit. Was bedeutet: die voraussichtliche Schweigedauer zu benennen. Nur so haben Partner, die reden wollen eine reelle Chance, sich auf die Stille einzustellen – und müssen sich nicht unnötig an eigenen diffusen Gedanken und wilden Spekulationen aufreiben. Denn: Unfreiwillig von der Gefühls- und Gedankenwelt des anderen ausgeschlossen zu werden, führt uns unweigerlich in negative Annahmen, Unsicherheit und (Verlust)Angst. Bestenfalls lernen wir aber auch zu akzeptieren, dass die Redebereitschaft des anderen Menschen sich gerade unserer Kontrolle entzieht.

 

Apropos Kontrolle: Schweigen als Druckmittel in einer Beziehung

Es gibt (viele) Beziehungen in denen einseitiges Schweigen nicht die Folge etwa eines Streits ist, sondern als dauerhaftes Bindemittel eine bestimmte Funktion erfüllen soll. Wer davon profitiert, sind die Schweigenden selbst. Für Partner und Partnerinnen, die ausgeschwiegen werden, bedeutet dieses Verhalten hingegen viele negative Gefühle und destruktive Gedankenspiralen. Oft sind es Unsicherheit, Selbstzweifel, Scham, Schuld- und Ohnmachtsgefühle. Diese rufen wiederum unterschiedliche Reaktionen hervor, die dann wieder die Gegenreaktion – das Schweigen – provozieren. Denn: Um die innere Harmonie – schließlich muss es ja ein Problem geben, sonst würde er/sie ja reden – wieder herzustellen, versuchen Betroffene daraufhin, den Schweigenden mit viel Entgegenkommen, Schmeicheleien, Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgesten, aber auch mit Tränen, offen artikulierter Frustration bis hin zu heftigen Wutausbrüchen zu entlocken, was los ist.

Die Angebote, um die eigenen Bedürfnisse beantwortet zu bekommen und den mauernden Partner zu verstehen, kann auf Dauer jedoch zu einer seelisch-geistigen und emotionalen Erschöpfung bis hin zum Bruch der Beziehung führen. Besonders dann, wenn Schweigende ihre eigenen Forderungen fortwährend auf subtile, scheinbar nicht aggressive Weise durchzusetzen versuchen. Doch ihnen ist mitunter nicht einmal bewusst, dass sie ihre eigenen Verlustängste und Minderwertthemen auf diese Weise hinter dicken Mauern des Schweigens verstecken, nach dem Motto: „Ich schweige, also bleibst du.“

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Raus mit der Sprache: So schwer ist Reden in einer Beziehung gar nicht

Wir alle haben uns schon mal in Situationen wiedergefunden, in denen wir uns klein, unbedeutend und unterlegen fühlen. Auch gab es eine Reihe von Momenten, in denen wir außerstande waren, die richtigen Worte zu finden, aus welchen Gründen auch immer. Schweigen kann dann tatsächlich ein Segen sein. Aber eben auch ein Fluch, insbesondere wenn wir in einer harmonischen und tiefen Beziehung zu unseren Partnern leben wollen und jeder sein Bestes gibt. Es mag unromantisch klingen und es scheint, als bedrohe es unsere hohen Liebesideale, doch: Selbst die wundervollsten, verständnisvollsten, eloquentesten, gütigsten, geduldigsten, klügsten, fantasievollsten Partnerinnen und Partner werden niemals in der Lage sein, die Gedanken ihrer Liebsten lesen und dann auch noch optimal darauf reagieren zu können. Keiner der beiden muss das. Die gute Nachricht lautet aber: Wir sind menschliche Wesen, verletzlich und fühlend und ausgestattet mit einer wunderbaren Fähigkeit, nämlich die der Kommunikation. Und genau aus diesem Grund müssen wir reden, und zwar miteinander – über unsere Ängste, Zweifel, Wünsche, Hoffnungen, Bedürfnisse –über  alles, was uns als Mensch ausmacht und als Paar verbindet. Die professionelle Paarberatung kann hierbei helfen, diese Fähigkeit zum Wohle der Beziehung zu trainieren und weiterzuentwickeln.

 

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