Wenn die Masken in einer Beziehung fallen

Mit der Liebe ist es … so eine liebe Sache: Zwei Menschen treffen sich, beide fühlen sich zueinander hingezogen, sie flirten, kokettieren, posen auch ein wenig und tänzeln umeinander herum. Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch, Funkensprühen, sie kommen sich näher, wollen sich wiedersehen und – schwupps – finden sich beide in einer Beziehung wieder, getragen von dem Gefühl, dass ihre Liebe für immer sein wird. Die Turteltauben verbringen Zeit fortan am liebsten nur zu Zweit, spielerisch finden sie ihre eigene Love-Language, versprechen sich Halt und ewige Treue und schweben auf Wolke sieben. Auf Außenstehende mögen bis über beide Ohren verliebte Paare ein wenig verrückt wirken. Und tatsächlich fluten laut Wissenschaft kräftige Hormon-Cocktails in dieser Phase den Körper, was zur Folge hat, dass „die Chemie“ zwischen ihnen einfach stimmt.

Doch leider hält er Rausch des ersten Verliebtseins nicht dauerhaft an, wie wir alle wissen. Nach einiger Zeit zeigt sich nämlich, ob in der Verbindung langfristiges Liebes- und Beziehungspotenzial vorhanden ist oder die Begegnung lediglich ein Strohfeuer entfacht hat. Denn: Die Biologie kann zwar Menschen zusammenführen und sie unter anderem dank sogenannter Kuschel- bzw. Bindungshormone wie etwa Oxytocin auch zusammenhalten. Entscheidend für die Dauer sind jedoch noch weitere wichtige, viel weniger biochemische Faktoren, die uns zusammenschweißen. Welche genau das sind? In erster Linie haben die viel mit uns selbst zu tun. Genauer gesagt hängt vieles mit Bereitschaft, Entscheidungsfähigkeit, Verbindlichkeit und mit unserem Mut zusammen, die Masken fallen zu lassen, hinter denen sich unsere scheinbar weniger liebenswürdigen Anteile verstecken.

Wenn Masken in der Beziehung fallen
Wenn die Masken in der Beziehung fallen

Von Angesicht zu Angesicht: Schatten-Begegnungen

Nüchtern betrachtet, zeigen wir beim ersten näheren Kontakt erst einmal unsere Oberflächenstruktur. Heißt: Wir präsentieren vornehmlich die Seite(n), für die wir in der Vergangenheit bereits positive Resonanz bekommen haben und halten so das Risiko gering, abgelehnt zu werden. Vielleicht finden wir das Aussehen attraktiv und aufregend, springen auf die schönen Worte an, die gesprochen werden oder fühlen uns einfach durch bestimmte Verhaltensweisen wohl in der Gegenwart des oder der anderen. Was wir erst einmal sehen und wahrnehmen, ist jeweils nur die „Spitze eines persönlichen Eisbergs“, was vollkommen normal ist. Ganz einfach, weil uns zum Zeitpunkt, wenn wir uns auf jemanden einlassen, selbst nicht einmal bewusst ist, was sich sonst noch in unseren Tiefen verbirgt.
Hier tummeln sich in erster Linie unsere eigenen Schatten. Das sind Eigenschaften, die wir in der Regel ablehnen, weil wir uns möglicherweise für sie schämen. So lehnen wir zum Beispiel unsere Bedürftigkeit ab, geben uns deswegen vielleicht betont unabhängig. Verlustängste verschleiern wir nur zu gerne, indem wir uns kühl und dominant geben, weil wir auf keinen Fall wie „Kletten“ wirken wollen. Auch unsere heimlichen Sehnsüchte, überzogene Erwartungen und dunklen Geheimnisse verstecken wir aus vielerlei Gründen lieber als sie zu offenbaren. Denn maskiert als eine Art „Lichtgestalt“ gefallen wir uns nun mal selbst viel besser. Daher wundert es auch nicht, dass es auch diese „Lichtgestalt“ ist, die Menschen zusammenführt – obwohl dieses Ideal selbst nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es ist eben nur die halbe Wahrheit.
Spätestens jedoch, wenn die Wirkung des ersten Liebes-Rauschs nachlässt und sich erste Risse im Beziehungsalltag zeigen, sehen sich Paare gezwungen, die rosarote Brille abzunehmen und durch das Brennglas der Realität genauer hinzusehen. Denn auf Dauer lassen sich Schattenanteile nicht unterdrücken. Ungeliebte Wesensanteile fordern ihren Raum, damit diese in die Beziehung integriert werden und beide Seiten heilen können.

Der Selbstentblößung folgt Selbstakzeptanz

Idealerweise bleiben Partnerinnen und Partner auch angesichts der Herausforderungen, die bewusste und unfreiwillige Demaskierungen mit sich bringen können, standhaft und unerschrocken. In diesen Momenten zeigt sich nämlich, aus welchem Holz wir in Wahrheit geschnitzt sind: zutiefst menschlich, ängstlich, verletzlich, gebeutelt von Erfahrungen, enttäuscht vom Leben und irgendwie ganz schön verkorkst. Oft stellt sich dann eine tiefe Entspannung ein. Denn je tiefer die Beziehung geht, je intensiver wir uns aufeinander einlassen und unsere Schwächen preisgeben, desto eher stellen wir fest: Wir sind eben doch nicht perfekt. Eben nicht immer souverän. Eben nicht ständig lustvoll. Vielleicht müssen wir sogar schmerzhaft erkennen, dass wir unserem viel zu hohen Selbstbild in niemals entsprechen können. Wir sehen ein, dass wir viel öfter niedergeschlagen, unzufrieden, kritisch sind oder eifersüchtiger reagieren, als wir dem Partner oder der Partnerin jemals hätten zeigen wollen. Es gehört eine große Portion Standhaftigkeit und Mut dazu, es auszuhalten, wenn unliebsame Schattenanteile an die Oberfläche kommen. Doch so einschüchternd und beklemmend eine solche Selbstentblößung auch wirken mag – wir bekommen somit gleichzeitig den Schlüssel zur Selbstakzeptanz und zur wahren Liebes- und Bildungsfähigkeit in unsere Hände gelegt.

Wenn Masken in der Beziehung fallen
Wenn Masken in der Beziehung fallen

Auf ein Neues: Schön, Dich kennenzulernen

Wie gut, dass wir selten Einfluss darauf nehmen können, ob und in wen wir uns wann verlieben. Es passiert oft einfach so. Und wie gut, dass wir den magischen Tanz der Liebe mit jemandem sogar dann beginnen, obwohl wir in vergangenen Beziehungen bereits Federn gelassen haben. Jede neue Begegnung birgt sowohl Lust- als auch Frustpotenzial sowie die Gefahr, sich hinter Masken und Mauern zu verschanzen – und dadurch die Möglichkeit zu verspielen, sich in allen möglichen Facetten kennenzulernen. Momente, in denen Masken freiwillig abgelegt oder manchmal auch vom Gegenüber ungewollt heruntergerissen werden, können sehr schmerzhaft sein und die Beteiligten ermutigen, Reißaus zu nehmen. Die Scham kann dann so groß und das Vertrauen so gering sein, um der Beziehung überhaupt noch eine Chance geben zu wollen. Die professionelle Beratung unterstützt Partnerinnen und Partner darin, sich behutsam und liebevoll den schattenhaften Anteilen zu nähern, die bisher hinter Masken verborgen waren. Auf verständnisvolle Weise lernen die Beteiligten, sich selbst besser kennenzulernen, klarer mitzuteilen und den Weg der Liebenden unerschrocken und gemeinsam weiterzugehen.

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