Eine Ode ans Loslassen

 

Könnte sie die Zeit noch einmal zurückdrehen, würde sie vieles anders machen. Und besser. Das geht aber nicht. Doch Verdrängen oder so tun, als würde sie über alle Selbstzweifel erhaben sein, ist für Gastautorin Paula keine Option. Deswegen gibt sie sich nach der Trennung von Christian lieber bewusst den vielen schwierigen Gefühlen hin, die sie an den Rand des Aushaltbaren – und so manches Mal sogar darüber hinaus bringen.

Ich erinnere mich, dass ich der Einladung nur widerwillig zugesagt hatte. Nicht, weil mir der Anlass oder das Wiedersehen mit Freunden missfallen hätte. Nein, an jenem Abend wäre ich auch einfach gerne nur zu Hause geblieben. Doch warum eigentlich nicht allen kurz nur mal Hallo sagen? Also machte ich mich auf den Weg zur Party, ohne große Erwartungen und viel Makeup. Ich war wie immer ganz bei mir.

Es heißt, wenn man am wenigsten damit rechnet, würde es oft einfach so passieren. Nicht, dass ich auf der Suche gewesen war oder mich unwohl in meiner Singlehaut fühlte, doch tatsächlich: Kurz nach meiner Ankunft – es war wirklich schön, alte Freunde und neue Gesichter nach langem wiederzusehen – sprach mich jemand an. Er fragte, ob ich etwas trinken und später mit ihm tanzen würde. Süß, dachte ich insgeheim lächelnd. Und jung. Er hieß Christian, sein warmer Blick und seine vorsichtige Art gefielen mir. Keine großen Posen und Gesten, keine Großsprecherei. Seine Unbeholfenheit berührte mich, die im Widerspruch zu stehen schienen mit seiner Attraktivität. Wo kommst du denn her, wer bist du?, fragte ich insgeheim. Ich konnte nicht anders, als die Begegnung einfach geschehen zu lassen.

Schon nach kurzer Zeit verschwanden die Menschen um uns herum, wir vergaßen die Zeit, redeten so leise, dass wir uns automatisch nah sein mussten, stellten einander Fragen, die tief ans Herz gingen. Ich spürte eine starke Anziehung und war überwältigt von der Intensität des Augenblicks. In unserer Offenherzigkeit, die von spielerischer Neugier und Behutsamkeit geprägt war, schien es von Anfang an keine Tabus zu geben. Und ohne einander zu berühren, umgarnte uns eine hauchzarte Sinnlichkeit, aus deren Kokon sich keiner von uns mehr einfach so lösen konnte. Natürlich wollten uns wiedersehen, tauschten Nummern aus und küssten uns zum Abschied zärtlich.

Hinterher sind wir immer schlauer
Hinterher sind wir immer schlauer

Als Mahl begann’s und ist ein Fest geworden

Ich liebe Reiner Maria Rilke. In meinen Augen kleidet kein anderer die unzähligen Facetten der liebenden und sich verzehrenden menschlichen Natur bildhafter in Worte als er. Wenn ich zurückblicke, dann hat es auch bei Christian und mir wie ein Mahl begonnen, das rasch zu einem Fest der Sinne wurde. Wir wurden ein Paar. Die räumliche Entfernung überbrückten wir mit sehnsuchtsvollen Nachrichten, wir telefonierten bis tief in die Nächte, schliefen gemeinsam am Telefon ein. Er überraschte mich spontan zu Hause, wir wollten uns jede freie Minute nah sein. Es war das perfekte Matsch, wir waren Liebende hinter dem pastelligen Filter unschuldiger Romantik: Ich war seine Prinzessin, er mein Prinz. Ein Traum, aus dem wir niemals erwachen wollten. Voller Vertrauen in unser Schicksal erzählten wir offenbarten wir unsere Vergangenheit, erzählen einander von unseren geheimen Wünschen und Träumen, aber auch von unseren Zweifeln. In Christians Leben gab es Probleme. Entscheidungen in der Vergangenheit hatten ihn bis dato immer wieder in Krisen geführt. Für mich stand jedoch fest: Ich wollte ihm auf Basis meiner eigenen Erfahrungen eine verlässliche Seelenführerin sein. Eine Bedingung gab es aber: Keine Gemeinnisse mehr. Wir forderten radikale Ehrlichkeit voneinander. Er sprach von ewiger Verbundenheit, ich wollte ihm glauben. Gemeinsam waren wir stark, wollten alles wiedergutmachen, was unseren geschundenen Seelen angetan wurde.

Je offener das Herz, desto größer das Verletzungsrisiko

Inzwischen weiß ich, dass ich mich mit meinem Überlegenheitsgebaren, das ich nach der ersten Phase des  himmelhochjauchzenden Verliebtseins zeigte, schützen sollte. Aber wovor? Vielleicht, weil alles zu schön war, um wahr zu sein. Weil ich glaubte, die Liebe und Zuwendung, die Christian mir entgegenbrachte, nicht zu verdienen. Weil ich dem Frieden nicht traute. Weil ich immer die Stärkere war und Unabhängigkeit demonstrieren wollte. Erschreckenderweise – das wurde mir später schmerzlich bewusst – hatte ich mich ihm gegenüber so verhalten wie mein Ex-Partner mir gegenüber, obwohl ich unter dessen Kälte doch so gelitten hatte.

Ich hatte Distanz geschaffen, obwohl ich Christians Nähe wollte. Ich blieb stumm, wenn ihm nach Reden zumute war. Ich provozierte ihn mit bohrenden Fragen, streute Salz in seine Wunde, drängte ihn zu sprechen, wenn er lieber schweigen wollte … Kontrolle. Nur durch sie konnte ich mich in emotionaler Sicherheit wiegen. Ich war die Erfahrenere von uns beiden, die Krisenerprobte, über alle Beziehungsfragen erfahren. Er sollte mich als die sehen, die Dutzende von Entwicklungsstufen erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Wie sehr ich mich habe leiten lassen von meiner Angst. Doch ich sollte lernen, wie sehr ich mich in die Irre habe führen lassen und wie schmerzhaft es ist, wenn die Masken fallen.

 

Immer wieder Unterstellungen: Das Katz-und Maus-Spiel wird zur Hetzjagd

Es war nicht nur abgrundtiefes Misstrauen, das in immer kürzeren Abständen, stärker und lauter aus uns herausbrach. Da war auch eine alte, unbewältigte Wut, die sich wie Gift in unsere Beziehung gemischt hatte. Hinzu kam, dass mit der Zeit die Konsequenzen vieler Halbwahrheiten, die Christian umgaben, in unserer Beziehung deutlicher spürbar wurden. Zwar gab es immer noch diese zauberhaft-innigen Momente. Doch gingen wir zunehmend rauer, fordernder und anklagender miteinander um. Trugen uns früher die zärtlichen Augenblicke und intensiven Gespräche, rüttelten uns immer häufiger quälende Infragestellungen auf. Mal war Christian der Ankläger und ich die Schuldige, mal überführte ich ihn einer Lüge und er war derjenige, der sich in seiner Not um Kopf und Kragen redete – bis wir umeinander kreisten wir Raubtiere und einander kein Wort mehr glaubten und er eines Tages Schluss machte. Er ging mit den Worten, dass er genug von zermürbenden Diskussionen und Endlosschleifen an Vorwürfen habe.  Als die Tür zuschlug, war mir klar: Das allein kann es nicht gewesen sein. Ja, wir hatten uns nichts geschenkt. Das war aber abgemacht, weil wir aneinander wachsen wollten und Liebe nun mal nicht nur Eiscreme und Kerzenschein ist. Ich war sicher: Sein altes Leben rief nach ihm. Es zog ihn hinaus, er wollte feiern, tanzen, Spaß haben, sich ablenken, flirten … Ja. Ich hatte definitiv einen großen Teil dazu beigetragen. Obwohl ich auf keinen Fall wollte, dass er aus meinem Leben verschwindet. Dann war er fort, und es tat höllisch weh. Ich war zutiefst getroffen, gekränkt, ängstlich und ich vermisste ihn fürchterlich.

Hinterher sind wir immer schlauer

Eine zweite Chance sollte alles zum Guten wenden

Meine vielen Klagen, mein Weh und meine Gebete wurden erhört. Es dauerte nicht lange, da stand Christian wieder vor meiner Tür. Ich bin ehrlich: Ich hatte es mir sehnlichst gewünscht. Vorsichtig nahmen wir wieder Kontakt auf und beschlossen, von jetzt an alles besser zu machen. Inzwischen hatte ich mich entschieden, mir Hilfe zu holen, um mein Beziehungsverhalten zu beleuchten. Mein Instinkt sagte mir, dass es etwas in mir geben musste, das meinem Wunsch nach einer authentischen, glücklichen und reifen  Beziehung zuwiderlief und jeden Versuch, echte Nähe aufzubauen, unterminierte. Christian war erleichtert, wieder bei mir zu sein. Noch dazu sehr daran interessiert, auch sich selbst zu reflektieren und zu schauen, wie er ein besserer Partner sein konnte. Auf meinem Weg in die eigenen Tiefen wollte er mir bedingungslos zur Seite stehen und mir den Halt bieten, den ich brauchte. Wir waren überzeugt, die vielen alten, aber auch die neuen Verletzungen heilen zu können, wenn wir einander nur vertrauten.

 

Aus Angst vor Verlust wird die Wahrheit verbogen

Es fordert Mut und kostet unendlich viel Kraft, in die Tiefen der Seele hinabzusteigen und sich den eigenen Schatten zu stellen. Mein grenzenloser Glaube an Christians Worte, er würde mir den Halt bieten, den ich brauchte, sollte das Seil sein, das uns auf der nächsten Stufe unseres Liebenlernens Sicherheit bot. Wir waren überzeugt, die vielen alten, aber auch die neuen Verletzungen heilen zu können, wenn wir einander nur blind vertrauten. Doch je tiefer ich hinabstieg, desto schwieriger wurde es – umso häufiger gerieten wir aneinander. Eifersuchtsszenen verdarben uns so manchen Abend, auf den wir uns zuvor gefreut hatten. So unterstellte er mir urplötzlich, ich würde mich heimlich mit jemand anderem treffen. Umgekehrt war ich überzeugt, er würde schon längst an eine andere Frau denken und sowieso nur auf die nächste Gelegenheit warten, um mich zu betrügen. Er log. Dessen war ich mir sicher. Zumindest verbog er die Wahrheit. Oder sagte er doch die Wahrheit? Ich traute meiner Intuition nicht mehr, war verwirrt und fühlte mich im Stich gelassen. Körperlich baute ich stark ab, war aber immer sofort voller Mitgefühl für ihn, wenn er zum Beispiel darüber klagte, wie schlecht es ihm ging. Das ärgerte mich jedes Mal und ich konfrontierte ihn schon bald wieder mit meinen Gedanken und Gefühlen in der Hoffnung, er möge sich meiner Bedürfnisse doch endlich in Gänze annehmen. Ich wollte, dass er Verantwortung übernimmt. Sich endlich den Tatsachen stellt und die Wahrheit eingesteht. Und nicht nur sich, sondern auch allen anderen gegenüber.

 

Am Ende der Beziehung stellt sich die Frage: springen oder bleiben?

Die Versuche, sich wieder aufzuraffen, waren inzwischen Programm: Gegenseitigem Misstrauen folgte Schmollen. Schmollen folgte Versöhnung. Der Versöhnung folgten Einsichten und Versprechen. Einsichten Versprechen folgten Zweifel. Zweifeln folgten Ängste. Ängsten folgte Misstrauen … ein Teufelskreis. Im Gegensatz zu mir schien ihn das alles nicht zu schwächen. Denn irgendwann griff er häufiger auf subtile Drohgebärden zurück. Er musste herausgefunden haben, welche Knöpfe in mir die schlimmsten Gefühle loszutreten konnten. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, wie übergroß und vernichtend zum Beispiel meine eigenen Verlustängste waren. In welchem Ausmaß sich die noch offenbaren würden, zeigte sich ab dem Moment, als er sich in unserer letzten gemeinsamen Nacht plötzlich vor mir aufbaute und mir eiskalt sagte: „Ich habe keinen Bock mehr, Paula. Ich liebe dich. Aber ich habe keinen Bock mehr. “ Wie bitte?, dachte ich. Dann legte er sich auf die Seite, zog sich die Bettdecke bis zum Kinn und schwieg. Nach einiger Zeit packte ich schließlich meine Sachen zusammen, während ich ihn immer wieder fragte, ob es das jetzt nach all der Zeit gewesen sein soll. Doch er schwieg weiter, reagierte nicht. In jener Nacht bin ich dann am ganzen Körper zitternd nach Hause gefahren …

 

„Ich ließ meinen Engel lange nicht los …

… und er verarmte mir in den Armen.“ Noch eines meiner Lieblings-Rilke-Gedichte, das mich seitdem Moment begleitet. Manchmal frage ich mich, was wohl in seinem Kopf vorgeht. Aber das weiß ich nicht. Hin und wieder versucht er, wieder mit mir in Kontakt zu treten. Aber ich traue nicht, es ihm gleich zu tun. Viel zu groß ist meine Angst vor der Begegnung. Ich nehme seit geraumer Zeit die professionelle Paarberatung in Anspruch. Ich muss dort nicht als Paar – also nicht als „echtes“ Paar erscheinen, sondern kann genauso gut für mich allein Hilfe in Anspruch nehmen, um besser zu verstehen, was geschehen ist. Und loslassen. Langsam finde ich heraus, wer ich war, wer ich bin und wohin ich mich entwickeln möchte. Das tut mir gut. Ich bin ehrlich: Christian fehlt mir. Und manchmal habe ich das Gefühl, niemals mehr jemandem wie ihm zu begegnen und die Magie der Liebe für immer verloren zu haben. Es heißt aber auch, wenn man am wenigsten damit rechnet, würde es oft einfach so passieren. Und wer weiß – vielleicht habe ich doch soeben jemandem begegnet, der es absolut wert ist, für die Liebe bedingungslos mit ganzem Herzen „all in“ zu gehen. Wer dieser Mensch ist? Ich glaube, ich selbst bin es …

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