Das Leben des Anderen:
Geheimnisse in der Beziehung

So beneidenswert es auch klingt, aber: Glauben wir Paaren, die behaupten, keine Geheimnisse voreinander zu haben? Oder denken wir insgeheim: „Ja, ja, träumt schön weiter …ganz sicher habt auch ihr Heimlichkeiten, wenn nicht sogar die eine oder andere ‚Leiche im Keller‘, von der der andere auf keinen Fall erfahren darf“.  Schließlich wissen wir doch nur zu gut aus eigener Erfahrung: Wir wollen nicht alles preisgeben, neigen mitunter sogar gezielt zu Geheimniskrämerei. Ganz einfach, weil jeder Mensch Gedanken hegt, die er, wenn überhaupt, nur mit wenigen Menschen teilen würde. Viel näher liegt da doch die Vermutung, dass die meisten von uns ihre tiefsten Empfindungen, Sehnsüchte, Wünsche, Erinnerungen und schrägsten Gedanken lieber vor anderen verbergen. Ganz gleich, ob unwissentlich oder ganz bewusst. Noch dazu achtet gut wie jeder Mensch darauf, dass nur das über seine Lippen kommt, was ihn in einem möglichst vorteilhaften Licht dastehen lässt. Dahinter muss nicht zwangsläufig Berechnung oder gar Boshaftigkeit stecken. Was Offenheit betrifft, gehen wir nun mal gerne auf Nummer sicher, wenigstens am Anfang einer Beziehung. Heißt: Sobald wir mit jemandem in Kontakt treten, filtern wir automatisch unsere Vergangenheit durch das feine Sieb strenger Wertmaßstäbe und polieren das eigene Image  solange, bis unser Ich alles vermeintlich Negative überstrahlt. Denn wer will sein Gegenüber denn schon mit unangenehmen Wahrheiten verschrecken oder schlimmstenfalls in die Flucht schlagen? Das Problem ist aber: Halten wir zu viel über uns verborgen, können Geheimnisse für allerhand Verwirrung sorgen, den Weg zur Trennung ebnen und das Erleben wahrer Intimität schier unmöglich machen.

Neugier und echtes Interesse – die Schlüssel zu einem entspannten Miteinander

Gehen wir als zwei Fremde eine Liebesbeziehung miteinander ein, bleibt es nicht aus, dass wir alles voneinander wissen wollen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch völlig normal, vielleicht sogar notwendig, schließlich müssen wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wir interessieren uns für den anderen, weil wir uns in dessen Gegenwart sicher fühlen möchten.  Außerdem ist es auf- und erregend, Stück für Stück die Tiefen des Gegenübers zu ergründen und manches Rätsel über unser Gegenüber zu lösen. Neugier und Interesse zahlen sich aus. Beides lässt das gegenseitige Vertrauen wachsen, bis auch Unangenehmes schließlich geteilt werden. So wird irgendwann intensiver auch über dunkle Flecken in der Vergangenheit gesprochen, über Ex-Partner*innen und intime Peinlichkeiten, was zwar für manchen Stich im Herzen sorgen kann, oft aber auch das Feuer der Leidenschaft entfacht. Kurz: Je mehr wir voneinander wissen, umso mehr können wir entspannen – desto stärker wird die Liebe. Schwierig wird es, wenn das an sich gesunde Interesse an der Partnerin oder dem Partner eine weniger schöpferische Qualität, sondern viel mehr der Kontrolle dient.

Geheimnisse in der Beziehung
Paarberatung Hannover Geheimnisse in der Beziehung

Das Gegenüber wird immer ein Mysterium bleiben – und das ist auch gut so

Würden wir alles – wirklich alles – kommunizieren, was in uns schlummert oder uns in den Sinn kommt, würde uns das vermutlich in jede Menge schwierige und peinliche Situationen bringen. Ein Beispiel von vielen: Möchten wir ernsthaft vom heimlichen Crush im Büro oder im Fitnessstudio erzählen und damit unsere überwiegend harmonisch-liebevolle Beziehung riskieren? Natürlich wollen wir das nicht. Erst recht wollen wir unsere Liebsten nicht verletzen. Unter anderem weil wir wissen: Solch harmlose Schwärmereien verschwinden genauso schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind. Zum Glück kann niemand hinter unsere Stirn blicken. Und wir wissen auch, wie wir auf bohrende Fragen unseres Schatzes antworten müssen, um sowohl den Frieden als auch ein Stück Privatsphäre zu bewahren: nämlich besonnen, diplomatisch und liebevoll. Andersherum müssen wir uns auch zufriedengeben, wenn unser Schatz nicht wie ein offenes Buch zu lesen ist.

Geheimnisse in der Ehe
Geheimnisse in der Ehe

Mit Gelassenheit und Vertrauen Unsicherheiten überwinden

Als problematisch und destruktiv erweisen sich hingegen Geheimnisse, die mit tiefen Scham- und Schuldgefühlen einhergehen. Sie sind es, die einen freien Umgang miteinander und dem Leben selbst verhindern. Denn eines steht fest: Ein Geheimnis kann zwar auf alle Zeiten verborgen bleiben. Nicht aber die damit verbundenen negativen Empfindungen, obwohl Verdrängungsmechanismen vermeintlich gute Dienste leisten können. Früher oder später wird sich Unausgesprochenes und Unbewältigtes bemerkbar machen, etwa als sozialer Rückzug, plötzlichen Wutausbrüchen, Passivität bis hin zur Depression. Meist spürt die Partnerin oder der Partner, dass etwas nicht stimmt. Denn Geheimnisse fordern enorm viel Energie, solange die Kraft primär darauf verwendet wird, damit diese nicht an die Oberfläche kommen. Doch genau diese Energie könnte einen viel stärker positiven Ausdruck in der Beziehung selbst finden, wenn sie nicht länger in die Verschleierung von unangenehmen Wahrheiten fließen würde.

In den seltensten Fällen handelt es sich in Partnerschaften um Geheimnisse, deren Inhalte furchteinflößend sind, zumindest nicht für die Partner*innen. Oft entpuppen sich diese als unliebsame Konsequenzen, für die es nun gilt, Verantwortung zu übernehmen. Auch stecken Blamage- und Versagensängste, Konfliktvermeidungsverhalten, überzogene Erwartungen und viel mehr dahinter. In der professionellen Paarberatung erarbeiten wir uns gemeinsam Wege, damit selbst das dunkelste Geheimnis im Lichte der Wahrheit seinen Schrecken verliert und die Beziehung wieder lebendig werden kann.

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